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Deutschland = Eishockey-Land! Auch nach Olympia?

Deutschland = Eishockey-Land! Auch nach Olympia?
geschrieben von Philipp Ostsieker

In einem packenden Olympia-Finale unterlag die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft dem Favoriten Russland erst in der Verlängerung mit 3:4. Am Ende fehlten nur 55 Sekunden zum Gewinn der Goldmedaille. Der deutsche Sport zieht den Hut vor dieser tollen Leistung. Aber: Kann das Eishockey in Deutschland perspektivisch von diesem Erfolg profitieren?

Es ist vermutlich typisch Deutsch, nach einem derart tollen Erfolg auf negative Themen zu blicken. Aber ein Blick auf den Status Quo im deutschen Eishockey ist durchaus spannend. Und die Geschichte zeigt leider: Viele Sportarten profitieren nicht zwangsläufig und dauerhaft von Erfolgen der Nationalmannschaft.

Wo steht die Deutsche Eishockey Liga (DEL) derzeit? Die DEL ist in der Saison 2017/18 die umsatzstärkste Teamsport-Liga abseits des Fußballs. Der geschätzt Planwert liegt laut SPONSORs bei 122 Millionen Euro. Der Umsatz verteilt sich auf vierzehn DEL-Klubs. Pro Klub bedeutet dies im Schnitt 8,7 Millionen Euro.

Die HBL wird 2017/18 bei einem Gesamtumsatz von 100 Millionen Euro liegen (5,5 Mio. Euro pro Klub). Die BBL erzielt 117 Millionen Euro, also 6,5 Millionen Euro pro Klub. Glaubt man anderen Prognosen, verlieren alle Ligen in den nächsten Jahren den Kampf um den Titel „Nummer-2-Sportart in Deutschland“ an den eSport.

Wo steht Eishockey in Deutschland?

Zurück zum Eishockey: Die DEL befindet sich seit 2010 umsatzseitig im Aufwärtstrend. Damit konnte die Liga innerhalb von sieben Saisons um insgesamt 50 Prozent wachsen. Laut SPONSORs lohnt sich aber ein genauerer Blick auf die Zahlen. Finanzierungslücken würden immer wieder von Gönnern ausgeglichen, wenn das Budget nicht von natürlichen Erlösquellen gedeckt werden könne. Das klingt auf Dauer eher nach Stagnation als nach nachhaltigem Wachstum, zumal man die Wachstumsrate mit Blick auf den Zeitraum als „überschaubar“ betrachten kann.

Wo ist der größte Hebel? Das Potenzial im Ticketing ist fast erschöpft. Vielleicht bei den Medienrechten? Jeder DEL-Klub erhält in der laufenden Spielzeit rund 350.000 Euro von der Liga. Medienpartner ist bis mindestens 2021 die Deutsche Telekom. Kurzfristiges Umsatzwachstum: unwahrscheinlich. Die größten Chancen erhoffen sich die Klubs deshalb im Sponsoring.

Spannend ist die Kooperation von DEL und DEB. Im Zentrum steht die Vision „Powerplay 26“, die der Deutsche Eishockey Bund entwickelt hat. Das Ziel: Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft der Männer soll ab 2026 nachhaltig um Medaillen bei Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen mitspielen. Etwas unverhofft konnte dieses Ziel kurzfristig erreicht werden. Ob auch nachhaltig, das wird sich zeigen.

Zur Realisierung sollen u.a. die DEB-Fördergelder für alle 14 DEL-Klubs zur Nachwuchsentwicklung beitragen. Gleichzeitig lohnt es sich einen Blick auf die DEB-Digitalkampagne „Wir sind Eishockey“ zu werfen.

Dauer-Diskussion um DEL-Aufstieg

Die Klubs der DEL sind übrigens erst seit 2014 wieder Mitglieder im DEB. Zuvor hatten Streitigkeiten das Verhältnis beider Parteien geprägt. Generell ist Eishockey in Deutschland regelmäßig von Nebenkriegsschauplätzen geprägt.

Die mögliche Wiedereinführung eines offenen Liga-Systems zwischen den beiden höchsten Spielklassen ist seit Jahren ein Thema im deutschen Eishockey. 2006 konnten sich die Straubing Tigers sportlich für die DFL qualifizieren. Seitdem ist das System geschlossen.

Eine neue Entscheidung wurde vielfach vertagt. Das System könnte sich ab der Saison 2019/20 ändern. Nächster Bewerbungsstichtag für die DEL2-Klubs ist der 31. März dieses Jahres. Die DE2-Klubs wollen, wenig überraschend, weiterhin an der Einführung festhalten. Ein Schiedsgericht hatte zuletzt aber gegen das offene Ligasystem entschieden. Offenbar hatten nicht alle Klubs die notwendigen Kriterien erfüllt. Mit einer finalen Entscheidung ist laut DEL-Angaben nun bis Ende April zu rechnen.

Es wäre dem Sport zu wünschen, dass der Olympia-Erfolg den Eishockey-Alltag positiv beeinflussen kann. Kurzfristig? Bestimmt. Nachhaltig? Unwahrscheinlich. Aber: Die Silbermedaille könnten der sinnvollen Initiative „Powerplay 26“ zusätzlichen Schwung verleihen. Nur wenig hilft einem Sport mehr als eine erfolgreiche Nachwuchsförderung. Der deutsche Fußball nach 2000 lässt grüßen.

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Über den Autor

Philipp Ostsieker

Philipp Ostsieker ist Gründer & Chefredakteur vom matchplan mag, Medienmanager (MBA) und Teilnehmer des General Management Programs in Sports Business an der SPOAC – Sports Business Academy by WHU.

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